Artgerecht ist nur die Freiheit – ist doch so, nicht wahr?

Der Steinzeitmensch lebte in Höhlen – eng, klein, dunkel, aber gemütlich und es tat seinen Zweck. Nicht selten wird dies in der Pferdehaltung übertragen.

Da werden über Mindestmaße von 12m² gesprochen – luftig aber geschlossen muss es sein, das Pferd muss etwas Platz haben, es muss pflegeleicht und bequem (auch für den Menschen – in Hinsicht auf Stallpflege) sein, es darf aber auch nicht zu viel kosten – schließlich gibt man ja sowieso schon genug fürs Pferd aus. Oftmals sind die Boxen zu klein, zu dunkel und auch die Seele des Pferdes gleicht einer luxuriösen, vergitterten Innenbox.
Ist es für das Bewegungs-, Flucht- und Herdentier Pferd wirklich ausreichend? Wo bleiben die Anreize? Naja, das Spielzeug fürs Pferd in zehnfacher Ausführung und das (am liebsten 0,5cm x 0,5cm) engmaschige Heunetz gekoppelt mit einem ordentlichen Trainingsplan reicht doch aus. Hö, nicht?

Das Pferd wird isoliert. In den wenigsten Boxen ist uneingeschränkter Sozialkontakt möglich. Ein kurzes Nase an Nase reiben – weil mehr ist durch die Gitterstäbe nicht möglich – ersetzt keine sinngemäße Fellpflege unter Artgenossen.
Aus meiner Sicht ist selbst ein stundenweiser Aufenthalt (dauerhaft gesehen!) in einer Box beeinträchtigend für Geist und Körper. Das Pferd fühlt sich in seiner Box nicht sicher, es hat nur resigniert, dass es sowieso keinen anderen Ausweg gibt als es hinzunehmen. Das lernt es schließlich von klein auf. Pferde sind genügsame Tiere und wollen keine hohen Ansprüche stellen und geben sich darum leider auch mit sowas „zufrieden“.

Dem Pferd in einer festen Box die Möglichkeit freier Bewegung, freien Atmens in reiner Luft (Fäkalien werden ja nicht sofort entfernt, Bildung von Amoniak etc.) zu nehmen, seinen Augen den Blick in die Ferne zu nehmen, es der Gesellschaft der Artgenossen zu berauben und auf seinen eigenen Ausscheidungen leben zu lassen, widerspricht seiner natürlichen Veranlagerung. Wo kann man da etwas schön reden oder Argumente gegen eine gut durchdachte Haltungsform – ohne verschlossene Boxen – bringen?
Noch dazu kommen oftmals (nicht in jedem Stall!) große Futterpausen, denn so eine Heuportion ist ja schnell vertilgt. Dann wird das halbe Stroh weggeknabbert, es kommt im schlimmsten Fall zu einer Kolik – ein ewiger Teufelskreis.

Ich bedauere mit jeder Faser meines Herzens, dass junge Menschen zum Vorbild genommen werden, die einen täglichen Weidegang von maximal 3 Stunden für gut befinden. Immer öfter sieht man so die Isolation als normal, es ist in Ordnung und „mein Vorbild macht es auch so“. Sportpferde müssen ja froh sein, dass sie überhaupt raus kommen – ist das so? Nein. Es gibt genügend bekannte Sportpferde die sogar im Offenstall stehen. Das Argument hinkt also sowas von, ist weit überholt und schätzungsweise in der Zeit des Mittelalters entstanden.
Noch bis Mai diesen Jahres kamen meine zwei Stuten – nun sind es drei Stuten – über die Nacht in Boxen. Mein Argument war immer, dass es doch gemütlich ist, jeder hat mal ein paar Stunden Auszeit von dem anderen und in der Box sind sie nachts (vor zum Beispiel Dieben, Pferderippern) sicherer. Dass es aber purer Egoismus meinerseits war, sehe ich erst seit der Umstellung.

Es gibt nicht nur durch falsches Training und einfache Unfälle viele Krankheiten am Bewegungsapparat – nein, auch durch häufiges herumstehen und von einer Stelle – ein paar Hufe aneinander setzend – auf die andere Stelle treten.
Besitzer, die sich über verspannte und überempfindliche Pferde wundern bis hin aufregen – eine Seltenheit? Leider nein. Die Fehler liegen dann beim Pferd. Das sind dann die Spinner, Übermütigen und heranwachsenden Problemgäuler (Achtung – den Wortlaut hört man in vielen Ställen, er stammt nicht von mir!)

Wem ein Offenstall oder ein Aktivstall nicht zusagt, der kann auch auf eine große Paddockbox zurück greifen – dabei spreche ich aber von einer großen Box mit großem Paddock. Nur auch hier ist der Kontakt zu anderen Pferden sowie Fluchtmöglichkeiten eher geringfügig gegeben. Das sollte man beim Fluchttier Pferd berücksichtigen. Der oftmals erste und beste Schutz ist die Flucht.
Es ist kein Optimum, aber immerhin besser als nur in einer verschlossenen, kleinen Box.

Im Ballungsraum Deutschland ist es nun leider kaum bis gar nicht mehr möglich, riesige Weidenflächen mit vielen Herden zu errichten. Oftmals lässt dies der Platz nicht zu, vor allem in Stadtnähe.

Als eine gute Alternative empfinde ich auch – stundenweise – den Laufstall. Das Pferd kann mehr als 5 Schritte aneinander setzen (Achtung Ironie bzgl. der Schritte), Sozialkontakte eingehen und bekommt die nötige Sicherheit. Direkt flüchten (vor etwaigen Gefahren) kann es aber auch hier nicht wirklich.

Beispiele aus dem Leben meiner Mädels.
3 Stuten – 24/7 Offenstall – 24/7 Heu aus Heuraufe mit Heunetz – immer Zugang zu Wasser – Bewegungsanreize – Salzlecksteine unterschiedlicher Art – Liegeplätze – Unterstand, zu 3 Seiten hin geschlossen (auch die Wetterseite ist geschlossen), hinter dem Unterstand Bäume die zusätzlich Schatten und angenehme Temperaturen versprechen – in der Weidesaison stundenweise Zugang zum Gras.
Wenn es regnet, stellen sich alle 3 Stuten in den Regen bzw. bleiben direkt draußen stehen. Sie legen sich auch im leichten Nieselregel und im kühlen Wind auf normalen Mutterboden anstatt auf die dick eingestreute Späne im Unterstand. Wie jetzt, ich dachte die Pferde mögen es weich, warm und trocken?
Die wenigsten Momente werden im Unterstand verbracht. Der Unterstand ist großzügig in der Fläche, bietet Schutz vor Sturm und Hitze, ist isoliert. Er ist groß genug für 3 Pferde.
Teuer besorgte Schlafmatten im Unterstand werden ignoriert, lieber legt man sich auf den kühlen, weichen Mutterboden, um den Sternenhimmel über sich zu haben.
Kälte? Es kann uns nicht kalt genug sein. Uns geht es gut.
Meine drei Stuten haben jederzeit die Wahl sich in den – nach drei Seiten hin geschlossenen aber großen – Unterstand (ich wiederhole es gern, da manche die Texte nur überfliegen) zu stellen oder unter freiem Himmelszelt zu leben. Meist bevorzugen sie es, kein Dach über dem Kopf zu haben. Höchstens bei großer Hitze suchen sie schon mal stundenweise den Unterstand auf. Daran sieht man, dass das Pferd ursprünglich und vor ca. 850.000 Jahren ein Tier der Kälte war.
Meine Pferde sind ausgeglichen und dennoch voller Power und Motivation. Die chronische Bronchitis meiner Shettystute konnte gelindert werden und die Pferde sind rundum fitter.

Was ich damit zusammen fassend sagen möchte – ich möchte hier wirklich niemand angreifen. Den Schuh zieht sich dann jeder selbst an.
Natürlich will ein Pferd in seine Box, wenn das Futter darin wartet. Natürlich gewöhnt sich ein Pferd irgendwann daran und wird schon am Tor warten, wenn man kommt. Das ist normal und ein reiner Lern- und Routineprozess. Ich möchte ganz überzeugt behaupten, dass kein Tier von Natur aus die Box vorziehen würde.

Funktioniert artgerechte Pferdehaltung überhaupt? Wie soll das ablaufen? Das Pferd wird immer in Obhut des Menschen leben und gewissermaßen eingeschränkt sein, da es vom Menschen domestiziert wurde.
Es steht aber in unserer Verantwortung, dem Pferd das Leben so artgerechts-nah wie möglich zu gestalten.

Mir ist bewusst, dass der Text nicht bei jedem gut ankommen wird.
Einige werden schlucken, andere schmunzeln, der Rest wird nicken oder aber die ganz hart gesonnenen und resistenten werden die Köpfe schütteln.
Es geht hier nicht darum, eine bestimmte Anzahl an Pferdebesitzern zu kränken und auf den Schlips zu treten oder gar die hochachtungsvolle Pferdebesitzerwürde anzukratzen, sondern es geht darum:
Zum nachdenken anregen. Der Sinn dieser Webseite.
Ich wäre froh, wenn ich schon viel eher als erst im Mai 2014 umgedacht hätte.

Es ist zum Wohle unserer Pferde.
Es geht nicht darum anderen Menschen zu gefallen, es ihnen recht zu machen oder einem Trend zu folgen.
Im 21. Jahrhundert muss es doch möglich zu sein, auch hier umzudenken – ist doch die Pferdewelt schon so weit vorangekommen durch mehr neue pferdefaire Methoden.

Leider ist nicht alles gesagt, was gesagt werden muss. Nicht jedes Argument, nicht jeder Vor- und Nachteil wurde genannt – aber dies würde hier den Rahmen sprengen.